Das Shiller-KGV heute — ist der S&P 500 wirklich überbewertet?
Shiller, AIAE, Buffett. Drei unabhängige Maße, eine unbequeme Schlussfolgerung.
Warum das klassische KGV nicht ausreicht
Das gewöhnliche Kurs-Gewinn-Verhältnis (Kurs ÷ Gewinn je Aktie der letzten zwölf Monate) hat einen strukturellen Fehler: Sein Nenner schwankt heftig mit dem Konjunkturzyklus. In der Rezession brechen die Gewinne ein, und das KGV wirkt künstlich hoch. Am Zyklushoch sind die Gewinne aufgebläht, und das KGV wirkt trügerisch normal — genau dann, wenn der Markt am teuersten ist.
1981 veröffentlichte der Yale-Ökonom Robert Shiller (Wirtschaftsnobelpreis 2013) die Korrektur: den Kurs durch den Durchschnitt der inflationsbereinigten realen Gewinne der vergangenen zehn Jahre teilen. Wer den Nenner über einen vollständigen Zyklus glättet, entfernt den Großteil des Rauschens. Das Ergebnis ist das zyklusbereinigte KGV — das CAPE, im Deutschen meist Shiller-KGV genannt.
Drei Anker, ein Signal
Anker 1 — das Shiller-KGV. Über 155 Jahre (1871 bis heute) liegt der historische Mittelwert bei ≈ 17×. Drei Epochen stechen heraus: September 1929 (32×, danach ein Absturz um 86 %), Januar 2000 (44×, der absolute Rekord, danach ein verlorenes Jahrzehnt) und 2021 bis heute (27–43×, derzeit 42×, die längste Phase über 30× in der gesamten Reihe). Die Korrelation des CAPE mit den realen Renditen der folgenden zehn Jahre beträgt −0,7.
Anker 2 — die AIAE (Aggregate Investor Allocation to Equities). 2013 von Philosophical Economics formalisiert, misst sie den Anteil des Finanzvermögens amerikanischer Haushalte, der in Aktien steckt. Ihre Korrelation mit den Zehnjahresrenditen erreicht −0,91 — das stärkste Signal der Literatur. Heute liegt sie in den obersten 5 % ihrer Historie, über den Hochs von 1929, 1968 und 2000.
Anker 3 — der Buffett-Indikator. Gesamte Marktkapitalisierung der USA ÷ US-Bruttoinlandsprodukt. Warren Buffett nannte ihn 2001 „wahrscheinlich das beste Einzelmaß“. Historischer Mittelwert um 80 %, Hoch von 2000 bei rund 140 %, Hoch von 2021 bei rund 200 % — und noch heute über 180 %.
Das Argument „diesmal ist es anders“
Die drei üblichen Einwände — strukturell höhere Kapitalrenditen und Margen dank des Technologiegewichts, niedrigere Zinsen, die höhere Multiplikatoren rechtfertigen, und die schrumpfende Zahl börsennotierter Unternehmen — sind ernst zu nehmen. Doch jede frühere Fassung von „diesmal ist es anders“ (die Nifty Fifty 1968, die Internetblase 1999) endete in enttäuschenden Renditen. Der Markt ist ein strenger Lehrer in Sachen Rückkehr zum Mittelwert.
Was man damit tatsächlich anfängt
Diese Anker sind keine Timing-Instrumente. Das CAPE kehrt nicht nach Kalender zu 17× zurück. Ihre praktischen Konsequenzen sind trotzdem konkret:
- Die Renditeannahme senken — wer im Ruhestandsplan mit 8 % real rechnet, sollte auf 4–5 % gehen
- Hebel meiden — Fremdkapital am Bewertungshoch ist historisch der schnellste Vermögensvernichter
- Liquidität halten — Korrekturen setzen Bewertungen zurück, und Kasse nützt genau dann, wenn Aktien am günstigsten sind
- Geografisch streuen — die meisten CAPE-Werte außerhalb der USA liegen in einer Spanne von 15 bis 20×
- Nicht aus Aktien aussteigen — auch bei hohen Bewertungen haben Anleger mit Jahrzehnthorizont historisch Anleihen und Geldmarkt geschlagen
Diese Zusammenfassung ist die gekürzte Fassung. Die vollständige Analyse lesen Sie hier: